David Luther in Schutt & AscheNach München geflogen, Ford Focus gemietet, Playboard Magazin in Regenstauf besucht, lecker gegessen, toll Gegend geguckt. Leicht knapp an Zeit zurück zum Flughafen, Baustelle, zäh fließender Verkehr, der richtige Stau war glücklicherweise auf der anderen Fahrbahnseite, Richtung Norden. Spät dran, zur Wagenabgabe geheizt wie ein junger Schumi, Krempel zusammengerafft, Wagen verlassen. 30 Sekunden später SMS. Flug annulliert. In aller Ruhe pinkeln gegangen. Menschenschlangen angeguckt. Einfach mal irgendwo angestellt. Mit dem letzten Akkufitzel Hamburg kontaktiert, witzig gemeckert, Beifall von drei Hausfrauen vor mir bekommen. Eine Uniform ruft: “Jemand nach Hamburg?” Andere Schlange. Es gibt Voucher für die Deutsche Bahn und jeder in der Schlange vor mir stellt dem LH-Mädel dieselbe Frage: Übernimmt Lufthansa auch die Kosten für einen Mietwagen? Oder ein Hotelzimmer? “Sie können das gerne einreichen, aber ob Sie’s zurück bekommen, kann ich Ihnen nicht versprechen.” Die hanseatischen Geschäftsleute vor mir gucken sich an und überlegen laut, sie einen Mietwagen zu teilen. I’m in! Anerkennendes Nicken. Trotzdem Voucher mitnehmen, man weiß ja nie. Ich frage nicht, denn der Onkel vor mir fragt zwei, dreimal. Ein Telefon leer, das andere gesperrt. Es vergehen Stunden, bis ich auf den Gedanken komme, mal die Karten auszutauschen. Kein Twitter, kein Internet. Saft sparen. Damn. Beim Sixt-Schalter Wiedervereinigung der Reisegruppe Spontan. Es gibt noch Smarts. In München los, in Hamburg am Flughafen abgeben: 240,- Euro. (Wa…?!) Unglaube. Die Flüge nach England und Finnland seien ja schon seit dem Morgen ausgefallen, lässt uns Mister Wuchersmart wissen, er alleine habe bereits zehn Smarts an Leute vermietet, die sich jetzt auf dem Weg nach London und Oslo befänden. Sonst gäbe es in der gesamten Region nicht einen freien Mietwagen mehr. Im Smahahahahart! Kurz überle… Nein. Schwer liegt der Bahnvoucher in der Tasche. Kurz die alternativen Autovermieter angefragt, aber es bietet sich dasselbe Bild. Sämtliche Mietwagen der Region sind durch MUC in die Welt gepustet worden. Ich ärgere mich, dass ich den Focus abgegeben habe, erinnere mich an den Stau in Richtung Norden, ärgere mich etwas weniger. Einen Kleinbus mieten? Nah. Ob die Air Berlin Maschine, die mir die Frau vom Reisebüro bei Buchung angeboten hatte, wohl fliegt? Die Reisegruppe schrumpft auf drei Personen. 19:00 Abfahrt der S-Bahn Linie 8 zum Hauptbahnhof, 19:51 ICE Verbindung nach Hamburg. Zwei Stationen vor dem Hauptbahnhof geht die S-Bahn kaputt. Glücklicherweise haben sie es kommen sehen und relativ schnell einen Ersatzzug hingestellt. Aber natürlich nicht schnell genug. Unser ICE verlässt den Hauptbahnhof, während wir ihm schon wieder frustriert den Rücken zu drehen. 20:51 CityNightLiner? Ausgebucht bis unter der Rand. Alle CNL Nightliner ausgebucht bis unter den Rand. Der Kollege, mit dem ich inzwischen in einem Boot sitze erzählt, dass sein Flieger (die 18:05 Maschine nach HH) schon auf dem Weg zur Startbahn gewesen ist und dann wieder umdrehte. Im weiteren Verlauf der Nacht hat noch jemand erzählt, er sei tatsächlich schon auf dem Weg nach Berlin in der Luft gewesen, die Maschine sei aber wieder umgedreht. Der Plan: 22:51 ICE nach Nürnberg, 90 Minuten warten, dann D-Zug (aka heruntergekommene Ex-Intercity-Waggons) nach Hannover. Ankunft dort um 05:30. Und Hannover-Hamburg geht irgendwie immer. Muss ja. Alternativ: Pennplatz checken und mit dem ersten ICE um 05:irgendwas direkt nach Hamburg. Da stellt sich allerdings die Frage: Fliegen die am Freitag wieder? Oder kommt der Rest der Fluggästeszene auch noch auf den Zug? Wir reden hier über ganz schön viele Menschen. Wir gehen vier Alster trinken und einen Happen essen. Lachend pisse ich den “Scheiß Sankt Pauli” Sticker über dem Urinal an. Der 22:51 soll es sein. Mehr Alster unter dem Arm. Unser Team wird durch einen Zivi verstärkt. Stimmung besser. Klaus versucht, harmlosen Passanten seine Flugtickets zu verkaufen. Wir finden’s witzig, die nicht. Et is’ wie et is’. Der Zug nach Nürnberg ist seltsamerweise nicht voll. In Nürnberg sind wir relativ voll. Wir räumen den einzigen noch offenen Laden aus und treffen auf Adam Bousdoukous (Zinos aus Soul Kitchen), den ich seltsamerweise auf große Distanz sofort zu identifizieren vermag. Stoked. Außerdem in Nürnberg: Zwei, drei Busladungen Air Berlin Passagiere, allesamt in komische, rote Vliesdecken eingewickelt, die für den Rest der Reise Ziel unseres Spottes sind. Die Decken, nicht die Ägyptenurlauber. Kommen aus dem Ägyptenurlaub. Sehr entspannend. Ein kleiner Junge erzählt mir, Air Berlin habe die Decken verteilt und eigentlich geplant, die Leute im Flughafen schlafen zu lassen. Ferner in Nürnberg: Widerliches Unvermögen und Verwirrungsstiftung seitens der Bahn, was uns fast zu einer Besetzung eines CNL veranlasst. Offensichtlich zählen auch völlig gewöhnliche, verranzte Ex-IC-Waggons als Liegewagen, sobald sie an einen Liegewagenzug angekoppelt werden. Heißt: Keine Gepäckstücke im Gang, kein Passagier ohne Sitzplatz. Wir werden von der Nummer 88279, der sich tatsächlich über die Lautsprecheranlage aus dem sterblichen Publikum Verstärkung gegen uns besorgt (kommt in Form von einem hilflosen Fettsack in hässlichem, blauen Strickpulli und ekeligem Bart, der sofort von zwei Fronten Sprüche kassiert) des Waggons verwiesen und besetzen stattdessen ein Kinderabteil im zweiten Zug. Im Kinderabteil sitzt ein Typ, der außerplanmäßig in Würzburg aussteigt. Bis Würzburg redet er. Viel. Undeutlich. Schnell. Verwirrt. Im Abteil liegt außerdem eine irrelevante Frau, die sich erst nach Würzburg traut, die Decke vom Kopf zu ziehen. Wir töten die verbliebenen Alster. Gute Unterhaltung. Alle sind beeindruckt, wie so ein kleiner Huster bei Island so viele Dinge aus den Fugen hauen kann. Ab Hannover ist jede Minute gefühlte 15 Minuten. Das Warten im Bistro, das Dämmern auf der Restfahrt. Wie ich vom Bahnhof nach Hause gekommen bin, weiß ich gerade gar nicht. Aber die Sonne sah komisch aus. I don’t feel too well right now, späääder… Mehr Infos: www.davidluther.com < zurück
Von David Luther
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